Heute ging es um die große Orientierung: Am späten Vormittag
starteten wir unseren Umrundungsspaziergang, um die wahren Ausmaße von Matera
zu erfassen. Und siehe da: Die Stadt ist riesig! Imposant schmiegt sie sich an
eine gewaltige Schlucht, an deren Grund sich ein dünnes Bächlein durch die
Felsen schlängelt. Filmkulisse? Ja, natürlich. Hier wurde ein Bond „Keine Zeit
zu sterben“ und von Mel Gipson „Die Passion Christi“. Kann ich sehr gut
verstehen und nachvollziehen.
Was bitte ist eigentlich ein „Sasso“?
Wer durch Matera spaziert, stolpert alle zwei Meter über das
Wort Sassi. Aber wer oder was ist das eigentlich? Des Rätsels Lösung ist
denkbar einfach: Sasso heißt auf Italienisch schlicht „Stein“ oder
„Felsen“. Wenn man in Matera von den Sassi spricht, meint man die zwei
historischen Altstadtviertel (Sasso Barisano und Sasso Caveoso),
die komplett aus dem weichen Tuffstein gehauen wurden. Über Jahrtausende haben
sich die Menschen hier ihre Behausungen, Ställe und Kirchen direkt in den
Felsen gegraben. Ein schachtelartiges Gewirr aus Höhlenwohnungen, bei dem das
Dach des Nachbarn oft der Gehweg für den nächsten ist!
Auf unserer Runde haben wir uns auch einige Kirchen, für mich waren die ChiesaSan Giovanni Battista
und angesehen – und der
Unterschied zu Puglia fällt sofort ins Auge: Baba, barocker Zierrat und
Lecceser Schnörkel-Exzesse!
Wir sind schließlich in der Basilikata. Hier dominiert eine
klare, kraftvolle und extrem beeindruckende Romanik. Die Fassaden wirken stolz,
erhaben und schlicht. Sie vermittlen mir eine mächtige Ruhe, die einen
augenblicklich in ihren Bann zieht.
Zum Mittagessen gab es natürlich nur eine vernünftige
Entscheidung: Wieder eine Crapiata Materana! Diesmal in einem anderen Lokal und in einer etwas
abgewandelten Zubereitung – aber was soll man sagen? Mindestens genauso gut,
sämig und köstlich wie am Tag zuvor.
Von Höhlen, Herzschmerz & gelebter Geschichte: Der Blick
hinter die Sassi-Kulisse
Um 15:00 Uhr stand ein Experiment auf dem Programm: eine
Gruppenführung! Gruppenführungen sind für mich ja eher selten und fühlen sich
meist recht seltsam an, aber in Matera wollte ich es genauer wissen.
Die zwei Sassi & die „Schande Italiens“
Unser Guide erklärte uns die Entstehung der beiden
Fels-Stadtteile: Sasso Caveoso und Sasso Barisano. Was von außen wie eine
einheitliche Kulisse wirkt, hatte eine klare Aufgabenstellung: Im südlich
gelegenen Sasso Caveoso wohnten überwiegend die Bauern, deren tief in
den Fels geschlagene Höhlen gleichzeitig als Stall fürs Vieh dienten. Im Sasso
Barisano hingegen schlug das Herz der Handwerker und Händler, die den
Höhlen oft gemauerte Fassaden vorbauten.
Matera zählt mit knapp 10.000 Jahren Besiedlung zu den drei
ältesten dauerhaft bewohnten Städten der Welt – gleich hinter Aleppo und
Jericho!
Doch in den 1950er Jahren wendete sich das Blatt: Carlo Levi beschrieb in seinem Buch „Christus kam nur bis Eboli“ das elende Leben in den Höhlen. Die Politik horchte auf, und Matera wurde plötzlich zur „Schande Italiens“.
Die Realität war hart: Eine ganze Stadt lebte ohne
fließendes Wasser, ohne Kanalisation, die feuchten Wände brachten schwere
Krankheiten – und Mensch und Nutzvieh teilten sich denselben Raum. Was die
Menschen jedoch zusammenhielt, war ein unvergleichlicher Zusammenhalt. Nachbarn
halfen einander, das Miteinander war lebendig.
1952 griff der Staat durch: Per Gesetz wurden die Höhlen
geräumt und verstaatlicht. Fast 20.000 Einwohner mussten ihre Heimat verlassen.
Sie bekamen kleine Sozialwohnungen draußen auf der grünen Wiese zugeteilt – und
eine kleine Abfindung für den Zwangsverkauf.
Doch mit dem Umzug ging die eng verwobene Gemeinschaft
schlagartig verloren. Niemand war glücklich darüber, das eigene Schicksal nicht
selbst bestimmen zu können. Viele kehrten heimlich zurück, woraufhin der Staat
die Eingänge zumauerte. Es entstand eine düstere Geisterstadt. Geschichtlich
gesehen ist diese Zwangsumsiedlung erst „gestern“ passiert.
Heute kann man die Höhlenobjekte zwar vom Staat anpachten,
aber die Auflagen für die Renovierung sind extrem streng – Denkmalschutz pur.
Als wir eine originale Höhlenwohnung von innen besichtigten,
war jegliche romantische Vorstellung im Nu verflogen. Die kleine Reisegruppe
war danach sichtlich gedrückt und nachdenklich.
Zum Abschluss ging es zur großen Felsenkirche Santa Luciaalle Malve. Und die hat uns wieder tief beeindruckt! (Oltre l'Arte - Info)
Die Wandmalereien im Inneren sind phänomenal erhalten und
zeigen eine faszinierende Mischung aus byzantinisch-orthodoxen und
lateinisch-katholischen Einflüssen – ein farbenprächtiges Zeugnis der
verschiedenen Kulturen, die hier über die Jahrhunderte Spuren hinterlassen
haben.
Ein Tag, der nachwirkt und Matera in einem völlig neuen
Licht erscheinen lässt!
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